Wer #GamerGate ignoriert unterstützt die Einschränkung der Spielevielfalt

Eigentlich wollte ich nichts zu GamerGate schreiben, doch inzwischen ist die einseitige Berichterstattung auch zu uns herübergeschwappt, hat sich in den USA auf die Mainstreammedien ausgeweitet und ich habe berechtigte Angst um die Zukunft meines Hobbys Videospiele. Doch der Reihe nach…

Ein Punkt der immer wieder zur Zeit angeführt ist, dass viele Gamer sexistisch und frauenfeindlich wären und Frauen an der Arbeit in der Videospielindustrie hindern wollten. Ich frage: Wer würde das wollen und warum? Es arbeiten doch zum Glück bereits sehr viele Frauen in der Videospielindustrie in den verschiedensten Postionen und bisher hat noch jede Untersuchung ergeben dass eine diversifiziertere Arbeitsumgebung ein besseres Arbeitsklima und Ergebnisse produziert. Wobei es sicherlich in einigen Abteilungen Ungleichgewichte gibt, da Frauen tendenziell z.B. Kunst bevorzugen und Männer hingegen Informatik. Offen zum studieren und zum arbeiten steht beides aber beiden Geschlechtern gleichermaßen.

Auch der Punkt dass das Frauenbild in Spielen einer Veränderung bedarf ist kaum zu halten. Es gibt momentan so viele starke weibliche Protagonistinnen wie nie: Bayonetta, Aurora (Child of Light) und Lara Croft um nur drei Beispiele zu nennen von Videospielheldinnen die alle auf verschiedenen Kontinenten zum Leben erweckt wurden. Viel Kritik gibt es auch an der Darstellung, zu sehr sexualisiert, klischeehafte Rollen, etc. Es gibt Spiele bei denen dies ganz klar so ist, beispielsweise Senran Kagura. Für jedes dieser Spiele gibt es dann aber wieder eines wo dies nicht der Fall ist wie beispielsweise Child of Light. Und eigentlich müsste hier die Diskussion bereits aufhören, da es viele unterschiedliche Spiele für zum Teil unterschiedliche Zielgruppen gibt.

Aber nein, alle Spiele sollem anscheinend einem Weltbild gerecht werden, welches mit Feminismus schon nichts mehr zu tun hat: Nur noch bedeckte Haut, koscheres Verhalten, usw. (siehe auch das Video „Are Video Gams Sexist?„)  ansonsten gibt es von der Presse, Kritikern und Moralaposteln Kritik im Überschwall. Warum gelten auf einmal für Spiele andere Maßstäbe als für Filme wo es auch ernste Dramen, Komödien, Actionfilme mit leicht bekleideten Damen und richtige Pornos gibt? Wieso ist es ok dass ich in Call of Duty ein halbes Land mit meinem Sturmgewehr auslösche aber ein kleines bisschen nackte Haut in einem Spiel das an ein männliches Publikum gerichtet ist bedeutet eine Unterdrückung aller Frauen, wenn der selbe Inhalt als Film gesellschaftlich vollkommen akzeptabel wäre? Gibt es nicht auch in Japan Spiele mit erotischem Inhalt die sich entweder an ein weibliches oder männliches Publikum richten?

Aber das sind alles Fragen die sich viele in der US Spielepresse gar nicht stellen. Dort werden von Autoren Artikel über Spiele von Freunden und Personen mit denen man finanzielle Verbindungen hat geschrieben, von Videospielseiten regelmäßig Artikel mit Überschriften wie „Heterosexueller weißer Mann: Der einfachste Schwierigkeitsgrad den es gibt“ veröffentlicht und Spiele nicht mehr nach ihrer Qualität und Spielspaß bei Reviews Bewertungen vergeben, sondern inwiefern sie in das eigene Weltbild passen was bei vielen Autoren sehr weit links von feministisch und typisch prüde amerikanisch geprägt zu sein scheint.

Leider liefern sich beide Seiten zur Zeit eine Schlammschlacht, die vor allem die US Spielemedien und berühmte Gegnerinnen der #GamerGate Bewegung für sich auszunutzen wissen. Schließlich ist es einfacher jegliche Kritik als Sexismus und Frauenfeindlichkeit abzutun statt sich inhaltlich mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen und über die eigenen Verflechtungen zwischen Entwicklern und Journalisten, fehlende und mangelhafte Ethikrichtlinien, geheimen Journalistenmailinglisten über die Absprachen getroffen werden welchen Spin bestimmte Themen in der kompletten Medienlandschaft bekommen, usw. zu reflektieren.

Und so verachtenswert die Morddrohungen auf beiden Seiten sind, wenngleich hauptsächlich nur über die Drohungen gegen berühmte #GamerGate Gegner berichtet wird, ist es für mich unbegreiflich wie man die Handlung einiger armer Irrer dafür benutzen kann um damit eine inhaltliche Diskussion zum ersticken zu bringen wie es zur Zeit passiert. Bei jedem anderen Thema über das öffentlich diskutiert wird wäre so etwas komplett undenkbar, bei #GamerGate dank genug Gedankenakrobatik anscheinend nicht.

Was mich betrübt ist auch die Aussicht auf die Zukunft. Es sieht nicht so aus als würde die US Spielepresse davon ablassen über solche Spiele herzuziehen die mal ein bisschen nackte Haut oder ähnliches zeigen. Und einige Persönlichkeiten die anscheinend sowieso alles an der Darstellung von Frauen in Videospielen zu kritisieren haben, stehen jetzt dank der Mainstreamberichterstattung und der Drohungen im Rampenlicht und sind quasi inhaltlich unangreifbar, will man nicht als Sexist oder jemand der Frauen bedroht gelten.

Für die Zukunft von Videospielen bedeutet das in letzter Konsequenz, dass zukünftig alle Spiele dem Weltbild von Frau S., Frau Q., Frau W., Kotaku und Polygon entsprechen müssen, einem Weltbild das mit Feminismus wie wir ihn hier in Deutschland verstehen nicht mehr viel gemein hat, da sie sonst Gefahr laufen schlechte Reviews und schlechte Presse einzufahren, was sich beides kein Entwickler leisten kann. In der Konsequenz werden zukünftige Spiele entsprechend designed, Stichwort Selbstzensur, und weniger Titel aus Japan, wo man sich zum Glück noch wenig um die Befindlichkeiten einer kleinen Gruppe Amerikaner kümmert, lokalisiert oder noch stärker als bisher geschnitten.

Traurige Aussichten, aber wenn man die Mainstreampresse liest oder #GamerGate komplett ignoriert und nicht seinen Standpunkt mit in die Diskussion einbringt, trägt man seinen Teil dazu bei, dass nur noch einige wenige Personen öffentlich Gehör finden und die inhaltliche Zukunft von Videospielen festlegen. Kein schöner Gedanke.

Ein paar Empfehlenswerte Links zum Thema:

Dualshockers über Polygons Bayonetta 2 Review

Feministin C. Hoff Sommers fragt: Are video games sexist? (Video)

#GamerGate in 60 Sekunden (Video)

#GamerGate – An Issue With Two Sides

#GamerGate: an un-PC rebellion

Alles an Informationen zu #GamerGate

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9 Gedanken zu „Wer #GamerGate ignoriert unterstützt die Einschränkung der Spielevielfalt

  1. Wie angekündigt, ein Kommentar, leider etwas lang geraten.

    TL;DR: Videospieljounralismus hat ein Korruptionsproblem, Gamergate ist NICHT die Antwort; Feminismus =/= prüde; es geht nicht um die Kleidung, sondern um Agency, darum ob der weiblich Charakter objektiviert wird, und das Feminismus quasi nicht mehr benötigt wird, weil es ja weibliche Hauptcharaktere gibt, ist äußerst gewagt (wie z.B. Jim Sterling in folgendem Video aufzeigt http://www.escapistmagazine.com/videos/view/jimquisition/7290-Objectification-And-Men). Videospieljournos&SJWS haben weit weniger Macht, als du es darstellst; es geht ihnen nicht um die Homogenisierung der Videospielindustrie, sondern um MEHR Diversität; Gamergates Verschwörungstheorien kann man nur als lächerlich bezeichnen & wurden m.W. allesamt widerlegt; THERE WILL ALWAYS BE PORN IN VIDEOGAMES

    Um eins gleich vorweg zu nehmen: Videospieljournalismus hat ein Korruptionsproblem. Niemand bestreitet das ernsthaft. Von Doritogate über Gerstmanns Kane & Lynch Review bis zum aktuellen Payola-Skandal um Shadow of Mordor, Videospieljorunalismus ist geradezu berüchtigt für Korruptionsfälle und anrüchige PR Taktiken. Die Oberlieger/Unterlieger-Situation zwischen großen Entwicklern und Reviewern ist ein real existierendes Problem.
    Und es bestreitet auch niemand ernsthaft, dass sich die Indie-Szene aus kleinen Cliquen zusammensetzt und in der relativ kleinen Szene Freundschaften zwischen Journos und Indie-Developern existieren. Die Frage ist, wie problematisch das ist und vor allem: wie vermeidbar?
    Jedenfalls existieren diese Probleme und werden meines Wissens auch nicht geleugnet:http://www.haywiremag.com/?p=4060
    Was nicht existiert ist eine dunkle Intrige, die ‚Sex‘ aus Videospielen verbannen will. Und wo wir schon dabei sind: Gamergate ist sicherlich nicht Teil der Lösung, sondern – im Gegenteil – Teil des Problems.

    Wie komme ich zu dieser Einschätzung? Glad you asked:

    Ich bin nicht der Meinung, dass Gamer_innen im Großen und Ganzen frauenfeindlich sind. Und ich will hier auch nicht auf die verachtenswerten Attacken auf verschiedene Vertreter beider Seiten eingehen. Wie Du richtig feststellst: das sind Taten von Extremist_innen.
    Aber, und das kann man meines Erachtens nicht genug betonen, diese Extremist_innen auf seiten von Gamergate sind nicht einfach irgendwann dazugestoßen, Gamergate wurde von Extremist_innen begründet – und Gamer haben sich schützend vor diese Extremisten gestellt. Und während diese Extremist_innen nicht die Masse der Gamergater repräsentieren mögen, gibt es eine ganze Menge Gamergater, die behaupten die Opfer dieser Attacken seien ’selbst schuld‘, würden die Attacken ‚faken‘ oder die Attacken ausnutzen, um davon zu profitieren. Diese Art von ‚victim blaming‘ IST Teil von Gamergate und ich für meinen Teil finde diese Form von Rationalisierung von sehr realen Angriffen äußerst widerwärtig.

    Der ‚Sexskandal‘ (wie Jenni Bahraj im Interview mit Huffington Post live bezeichnet hat), der alles losgetreten hat, war eine Ente, kompletter Bullshit. Auch das muss man dezidiert so sagen. Nathan Grayson hat nie eine positive Review über Depression Quest geschrieben. Wie man diese Falschmeldung immer noch als ‚Sexskandal‘ betiteln kann, übersteigt mein Auffassungsvermögen.
    Das Huffington Post Interview ist sowieso äußerst bezeichnend, scheinen die drei Vertreterinnen doch nicht so wirklich in der Lage zu sein, die angebliche Korruption im Videospieljournalismus zu benennen, mit der sich Gamergate angeblich seit über drei (?) Monaten auseinandersetzt.
    Ich für meinen Teil habe den Überblick verloren. Es wurden mittlerweile so viele unhaltbare Behauptungen aufgestellt und Verschwörungstheorien aufgestellt, ich weiß nicht, wie man Gamergate noch ernst nehmen soll:

    Erst ging es um Quinn und Sexaffären und darum, dass niemand über den Quinn Blogpost berichten wollte. Wenn wir schon über Ethik im Spielejournalismus sprechen, dann sei vielleicht so viel gesagt: Welche/r Journalist_in mit einem Hauch von Berufsehre könnte ernsthaft einen so persönlichen und privaten Blogpost als Grundlage für einen Artikel benutzen?

    Dann ging es um Patreon-Spenden. Etwas, was für mich immer noch keinen Sinn ergibt, geht es doch nicht etwa um Spenden an Journalist_innen, sondern um Spenden VON Journalist_innen an Indiedeveloper_innen. Dies wurde wiederholt als ‚finanzielles Investment‘ bezeichnet. Was für mich nur den einen Schluss zulässt: Gamergate scheint nicht so richtig zu verstehen, was der Unterschied zwischen einer Spende und einem Investment sind und sollten wohl besser die Finger von Finanzgeschäften lassen.
    Lana Polansky hat einen hervorragenden Artikel über Patreon und Payola verfasst, den ich nur jedem ans Herz legen kann: http://sufficientlyhuman.com/archives/405

    Schließlich wurde eine ‚geheime‘ Mailingliste entdeckt. Natürlich war diese weder wirklich geheim, noch konnten nach Auswertung ernsthafte Anzeichen für groß angelegte Absprachen von Videospieljournalisten festgestellt werden.

    Absolutes Highlight war dann aber sicherlich Operation Diggin Digra, als Gamergate allen Ernstes angefangen hat, wissenschaftliche Artikel zur Game Theory zu wälzen, um Belege für die Verschwörung der kulturbolschewistisch-feministischen Verschwörung in akademischen Zirkeln zu finden. Die Verschwörer, so die auf dem Mist von SargonofAkkad gewachsene Theorie, seien angeblich die Schattenmänner im Hintergrund, die Ideenegeber der Journalisten, die die theoretische Grundlage für die kulturbolschwistisch-feministische Unterwanderung der Spieleindustrie liefern. Ich glaube, es muss nicht extra erwähnt werden, dass Gamergates Anstrengungen (die teilweise erschreckende Defizite im Verständnis von akademischen Arbeitsweisen aufgezeigt haben) nur von mäßigem Erfolg gekrönt waren. Die betroffenen Akademiker haben es zum Glück größtenteils mit Humor genommen und sich gefreut, dass endlich mal jemand ihre Artikel liest.
    Eine gute Übersicht über sämtliche Gamergate Verschwörungsfiaskos lässt sich auch noch mal hier finden: http://www.neogaf.com/forum/showpost.php?p=134397896&postcount=12285

    Was bleibt letztlich von den Forderungen Gamergates übrig?

    a) Gamer sind angepisst, weil die Medien sie (wieder einmal) verteufeln

    b) Gamer haben ein komisches Verständnis von Reviews und mögen Politik nicht

    zu a) Was die ganze Gamergate Geschichte wirklich zum Überkochen gebracht hat, waren die kurz hintereinander erschienenen Artikel über den Tod der Selbstbezeichnung ‚Gamer‘ Ich will diese Artikel überhaupt nicht in Schutz nehmen. Trotzdem darf man, glaube ich, davon ausgehen, dass ein gar nicht mal so geringer Anteil Gamergater diese Artikel – oder zumindest Leigh Alexanders Artikel – nicht verstanden hat. Es ging ihr um eine ganz bestimmte Gruppe innerhalb der Gaming-Subkultur und ihre Forderung an Unternehmen war, ihre Werbestrategien nicht mehr auf diese auszurichten, eben weil die Gaming Community bereits so viel mehr Menschen umfasst und weitaus diversifizierter ist.
    Noch einmal: Wer sich Gamergate angeschlossen hat, der hat sich mit dieser kleinen Gruppe Gamer solidarisiert und sich schützend vor diese gestellt, der hat diejenigen, die wirklich frauenfeindlich kriminell sind, in die Gaming- Community inkorporiert.
    Um das noch mal unmissverständlich klarzustellen: Wer nur mit Begriffen wie ‚misogynistic‘, ’neckbeard‘ und ‚harrassment‘ um sich schmeißt, um Gamergate zu diskreditieren, bedient sich Beleidigungen, Vorurteilen und wird Gamergate nicht gerecht (s.a. http://ellaguro.blogspot.co.uk/2014/09/on-gamers-and-identity.html).
    Aber nicht die ‚Tod der Gamer‘ – Artikel, sondern Gamergate zieht den Namen aller Videospielenthusiasten in den Schmutz. Die Extremisten haben Gamergate auf die Titelseite der f*cking New York Times gebracht. Das was an berechtigter Kritik vielleicht unter dem Schutt der ganzen anderen Scheiße noch zu finden ist, kann doch so keiner ernst nehmen. Wenn die einzigen Unterstützer der Sache C.H. ‚war on boys‘ Sommers, Breitbart und ALEX JONES (https://www.youtube.com/watch?v=qeQjkhD5xYI) sind, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass man nicht einfach von den Medien ‚diskriminiert‘ wird, sondern dass man gemeinsame Sache mit ‚right-wing nutjobs‘ macht und man deshalb mit denen in einen Topf geschmissen wird. Und darüber sollte man dann mal reflektieren und sich fragen, warum das so ist und ob man das wirklich will: http://www.neogaf.com/forum/showpost.php?p=134394158&postcount=12200

    Wer über Korruption in Videospieljournalismus sprechen will, der darf nicht von den Geschäftspraxen großer Entwickler schweigen, der sollte aufhören von Sarkeesian oder Quinn zu sprechen, da diese weder Journalisten, noch Einfluss in der Industrie haben und der sollte sich darüber im Klaren sein, dass Freelancer und Indiedeveloper nicht an der Spitze, sonder am Ende der Nahrungskette stehen. Wer über die Verbandelung von Journalisten und Indies sprechen will, der sollte das Ganze vielleicht in der richtigen Perpektive betrachten, denn ein Großteil dieser Menschen üben ihren Beruf aus Liebe aus, geldtechnisch reicht es kaum zum Überleben. Und wer schon so fleißig am kritisieren ist, der sollte sich allgemeine für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Industrie aussprechen: https://www.jacobinmag.com/2013/11/video-game-industry/

    Aber, das ist meine Theorie, darum geht es Gamergate nicht. Stattdessen geht nämlich eigentlich darum, dass viele Gamer unzufrieden mit Reviews führender Gaming Sites sind und den Trend Videospiele aus einer feministischen Perspektive, nun ja, kritisch (milde ausgedrückt) sehen.
    Die Forderung nach objektiven Reviews, die in diesem Zusammenhang immer wieder aus den Reihen von Gamergate erklingt, fasziniert mich ohne Ende. Die Forderung ist keinesfalls neu, sondern scheint so alt wie die Videospielkritik selbst zu sein (hier ein Beispiel aus dem Jahre 2000): http://readingegm.tumblr.com/image/98166411598 Selbst durch Gamergate entstandene Reviewsites wie goodgamers.us haben ironischerweise bereits negatives Feedback ob zu viel ‚Subjektivität‘ erhalten: http://www.goodgamers.us/2014/09/11/review-watch_dogs/#comment-1587105081
    In der Tat geht diese Obsession mit ‚objektiven Reviews‘ sogar soweit, dass einige GamerGater anscheinend http://www.objectivegamereviews.com/ für die Krönung des Videospieljournalismus‘ halten.
    Vielleicht sollte sie jemand darüber aufklären, dass es sich um ein Parodieprojekt handelt. Oder vielleicht besser nicht. Ignorance bleibt schließlich bliss.
    Das Thema fasziniert mich nicht nur, weil es auf der Hand liegt, dass so etwas wie eine objektive Review weder existiert, noch wünschenswert ist, sondern auch, weil feministische Kritik in Film und Literatur heutzutage so etabliert sind, dass dieser backlash den Videospieljournalist_innen zur Zeit erleben, so unendlich absurd wirkt. Anita Sarkeesians Videos zum Beispiel sind in keinster Weise radikal. Klar kann man sich über den ein oder anderen Punkt streiten, aber drei Jahre durchgehend Hasstiraden und ad hominem-Attacken, die jetzt in einem Enthüllungsfilm von zwei größenwahnsinnigen YouTubern gipfeln sollen – es könnte zum Lachen sein, wenn es nicht so verdammt traurig wäre.

    Eigentlich sollte es jedem einleuchten, dass der Einfluss einiger Journalist_innen und You-Tuber_innen auf eine 70 Milliarden Dollar Industrie relativ gering ist. Diese Industrie wird ihre Spiele weiterhin so designen, dass diese einen größt möglichen Gewinn abschmeißen. Aber dass die Industrie nicht uninteressiert ist, wie man Spiele zugänglicher für eine breitere Konsumentenbasis macht, dürfte auf der Hand liegen. Kritischer Stimmen marginalisierter Gruppen innerhalb der Gaming Community sollten der Industrie im Idealfall nutzen, sollten zu einer größeren Bandbreite an Spielen, Stories und Charakteren führen. Und wer könnte ernsthaft etwas dagegen haben, dass ein Dialog über die Repräsentation von Frauen/Transmenschen/PoC etc. angeregt wird? Nun äh ja…Gamergate glaubt anscheinend, dass dieser Dialog nicht nur unnötig, sondern schädlich für die Videospielindustrie ist.
    Der neuste Beleg für die kulturbolschewistisch-feministische Verschwörung in Journalistenkreisen ist Polygons Bayonetta 2 Review. Jetzt hat Bayonetta 2 zwar durch die Bank überdurchschnittlich gute Bewertungen bekommen, aber dennoch: Was für ein Schlag für Platinum Games und Sega, dass ein Magazin doch glatt ’nur‘ 7.5 von 10 Punkten vergeben hat. Interessant ist dabei jedoch, dass gerade Bayonetta von Vielen als starke weibliche Videospielheldin gefeiert wird: http://www.theguardian.com/technology/2014/aug/05/lara-croft-bayonetta-female-games.
    Und zu den Fans zählt eben auch Leigh Alexander, LEIGH ‚Gamers are over‘ ALEXANDER: http://leighalexander.net/bayonetta-two/

    Das Paradebeispiel zeigt also wieder einmal wie sehr sich Gamergate verrannt hat, statt einer sex negativen , zensurgeilen Kabale beweist Bayonetta das Gegenteil: Pluralität im Videospieljournalismus und unter sogenannten ‚Social Justice Warriors‘.

    Ich kann abschließend nur mit ein paar gut gemeinten Ratschlägen aufwarten:

    1. Wer kein Bock auf ’social-commentary‘ in seinen Reviews hat, sollte sich nach Möglichkeit von Polygon fernhalten.

    2. Wer über Ethik im Videospieljournalismus sprechen will, sollte hoffen, dass Gamergate so schnell wie möglich abstirbt, so dass eine ordentliche Diskussion möglich wird. Und vielleicht sollte man sich Verbündete in der Industry suchen, z.B. die Freelancer_innen, die sich kritisch äußern, aber nicht die nötige Reichweite besitzen. Wenn diese kritischen Stimmen bis dahin nicht alle vertrieben wurden (s. Jenn Frank).

    3. Mit den Worten von AngryJoe (und frei nach Arrested Development): There will ALWAYS be porn in video games! https://www.youtube.com/watch?v=OBuTeQAN1gU

    [Der Antiamerikanismus in deinem Text nervt übrigens :-/]

  2. Vergessen zum Thema Filmkritik vs. Videospielkritik: Objektivierung von Frauen wird im Film mal mindestens seit den 70ern kritisiert und bis heute wird die Heteronormativität, die Konzentration auf weiße männliche Hauptcharaktere und sexistische Tropes (A.S. hat die Tropes nicht erfunden) kritisiert. Außerdem die unterschiedliche Darstellung von männlicher und weiblicher Sexualität (s. Debatte um Game of Thrones etc.)
    Wieviele berühmte weibliche oder schwarze Filmemacher gibt es in Hollywood? Ein so bekannter Schauspieler wie Danny Glover versucht seit Jahrzehnten Funding erfolglos für einen Film über die haitianische Revolution zu bekommen.

    In der Videospielindustrie sieht es auch düster aus, ich kann nur nochmals den Text von Ian Williams in Jacobin empfehlen: https://www.jacobinmag.com/2013/11/video-game-industry/
    Die angegeben Statistiken z.B. zu Frauen in der Industrie zeichnen nicht das Bild von der bereits vorhandenen Diversität in der Videospielindustrie.
    Chancengleichheit in der Unterhaltungsbranche existiert nicht und in vielerlei Hinsicht werden Frauen* (und PoC, etc pp) immer noch marginalisiert.

    Wer das nicht sieht (oder die kritischen Stimmen nicht anhört), dem kann ich auch nicht helfen, aber Videospiele werden nicht anders kritisiert als Filme. Und das sollte man als Erfolg werten. Videospiele werden mittlerweile als Kunst ernst genommen. Und damit einhergehend möchten Videospieljournalisten auch über relevante Themen schreiben, weil die Zeiten, wo Nintendos Hausmagazin zu den einflussreichsten Gamespublikationen zählte, zum Glück hinter uns liegen. Ich denke sowohl Videospiele, als auch der Journalismus haben immer noch einen gewissen Reifeprozess vor sich und das sollte man als Chance für das Meidum begreifen, anstatt konservativ Schreckensszenarios von der ’slippery slope‘ in den homegnisierten Videospiel-Feminazi-Faschismus herbeizufabulieren.

  3. Nach dem ich heute ein paar Videos von Frau Sarkisien gesehen habe, die ja mit Auslöser waren, bin ich zu der Erkenntnis gekommen das, das solche Leute wohl nur zufrieden zu stellen wären. Wenn in Zukunft Männer und Frauen 1:1 die Plätze in Videospielen tuschen oder entweder nur Männer oder nur Frauen vorkommen. Beides allerdings nur unter der Bedingung, das Frauen nicht Sexualisiert werden oder Klischees entsprechen.

  4. @Content Sisyphus
    Es gibt zwei Seiten, einmal die der Spieleentwicklung und die was in den Videospielen vorkommt und wie die Haltung der Spieler ist.

    Frauen studieren wie Statistiken des VDE/VDI und anderer Organisationen zeigen traditionell seltener MINT-Studiengänge wie Informatik. Dadurch erklärt sich bereits ein Ungleichgewicht. Dazu kommt dass gerade in der Spieleindustrie die Arbeitsbedingungen unabhängig vom Geschlecht schlecht sind: Geringe Bezahlung und Crunchphasen mit wenig Freizeit sind Dinge von denen zumindest ich annehmen würde dass sie z.B. lieber der alleinstehende Single der in seiner Kindheit importierte NES Spiele gezockt hat aus liebe zum Hobby in Kauf nimmt als eine Frau die eventuell eine Familie und Kinder plant (und die Arbeitsrechtlichen Möglichkeiten dafür sind in den USA um ein vielfaches schlechter als hier Stichworte Mutterschutz, Elternzeit, Kindergelt, etc.). Natürlich ist das nicht bei allen Entwicklern so, doch auf eine Vielzahl wird es zutreffen.

    Auf Seiten der Inhalte verweise ich erneut auf Filme und auch auf Printmedien (wo es von der Gala über den Playboy bis hin zu noch härteren Publikationen geht). Sex gehört zur menschlichen Natur, genau wie der menschliche Körper natürlich ist. Wenn in einem Spiel das eindeutig an ein männliches Publikum gerichtet ist neben Gewalt auch nackte Haut vorkommt kann ich daran nichts verwerfliches erkennen. Wir leben zum Glück ja eben längst nicht mehr in einer Zeit wo Frauen in jedem Videospiel die Prinzessin in Not sind auch wenn Frau Sarkeesian das gerne so darstellt. In den letzten Mariospielen dich ich gespielt habe kann ich Prinzessin Peach genau wie Mario oder Luigi durch die Level zum Ziel bringen. Daneben gibt es wie gesagt viele andere Spiele mit starken Protagonistinnen die auch ohne Probleme den Bechdeltest bestehen.

    Dazu kommt dass es sich beim Medium Videospiel um Fiktion handelt. Ebenso bei anderen Medien. Und diese dienen zur Flucht aus dem Alltag, zur Entspannung und um Welten und Dinge zu sehen und erleben mit denen man sonst nicht in Berührung kommt. Schießt man in einem Egoshooter reihenweise andere Menschen ab ist das auch OK, weil kein rational denkender Mensch mit gesundem Menschenverstand das deshalb im echten Leben machen würde. Sagen wir jemand spielt ein Spiel das wirklich vorsätzlich sexistisch ist und Frauen herabsetzt: Wird er die nächste Frau mit der er im echten Leben trifft genau so behandeln?

    Aus den oben genannten Grünen kann ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass es Personen wie Frau Sarkeesian nicht darum geht Feminismus voranzubringen, sondern wie im Artikel oben angesprochen dafür zu sorgen, dass alle Spiele nur noch nach ihren Vorstellungen sind. Egal ob es sich nun um einen einzelnen Titel mit einem hauptsächlich männlichen Publikum handelt auf den zehn Titel kommen die absolut den Vorstellungen von Frau Sarkeesian und Co. entsprechen.

    Das führt dazu dass Entwickler die Schere im Kopf ansetzen werden um nur noch Spiele mit einer „political correctness“ zu entwickeln und weniger japanische Spiele lokalisert werden, letztenendes also Selbstzensur. Und ich kann weder Zensur, noch Leute die sie vorantreiben, in keiner Form gutheißen.

    Als letzter Punkt: Ich bin selber kein Spieleentwickler und habe wenig Einsicht ob es nun tatsächlich doch öfter zu Sexismus/Rassismus oder Diskriminierung im Allgemeinen bei der Entwicklung von Spielen kommt und kann mir daher kein endgültiges Urteil darüber anmaßen. Aber dies ist ein anderes Thema als die Inhalte der Spiele und diese Diskussion sollte getrennt geführt werden, nur leider wird sie es nicht.

  5. Hey, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast zu antworten 🙂

    Ich spare mal im Folgenden den Teil über die Arbeitsbedingungen im Techsektor aus, ein interessantes Thema, aber ich glaube, das lenkt jetzt vom Wesentlichen ab. Ich hoffe das ist in deinem Sinne.

    „Auf Seiten der Inhalte verweise ich erneut auf Filme und auch auf Printmedien (wo es von der Gala über den Playboy bis hin zu noch härteren Publikationen geht).“

    Das ist zwar richtig, aber die Diskussion dreht ja auch nicht um Exotengenres. Mir ist jetzt nicht bekannt, dass Porn-oder Dating Sims im Mittelpunkt der Kritik standen, genauso wenig wie Twine Poetry oder Farmville. Die Konversation dreht sich um AAA-Titel und ich denke ein angemessener Vergleich wären
    Hollywood-(Summer-)blockbuster. Und in Blockbustern lassen sich durchaus ähnliche Probleme wie in AAA-Spielen feststellen.

    „Wenn in einem Spiel das eindeutig an ein männliches Publikum gerichtet ist neben Gewalt auch nackte Haut vorkommt kann ich daran nichts verwerfliches erkennen.“

    Das ist ein sehr wichtiger Punkt auf den ich gerne länger eingehen würde.
    Sowohl Filme als auch Videospiele sind immens kostenintensiv. Wir haben einen Punkt erreicht, wo Videospiele mehrere Millionen ‚copies‘ verkaufen müssen, um überhaupt rentabel zu sein. Diese Sachzwänge führen zwangsläufig zu einer gewissen Risikoaversion. Man verlässt sich auf bewehrte Konzepte, wie z.B. narrative Elemente (Heros Journey etc.). Risikoaversion führt eben aber auch dazu, dass man generell ungern einen schwarzen Schauspieler für die Hauptrolle castet.
    Und das gilt auch für Videospiele. Im Endeffekt müssen sich Developer in vielerlei Hinsicht Marketing Executives beugen. Und ja, deren Hauptanliegen ist es i.d.R. bestimmte Zielgruppen zu erreichen.
    Aber:

    a) Zielgruppen sind Konstrukte. Teilweise auf Daten beruhend, teilweise komplett künstlich konstruiert (s. z.B. Einschaltquoten im TV)
    b) Aussagen über Zielgruppen führen zu Verallgemeinerungen „Frauen mögen keine Shooter“, „Weißes Publikum will keinen schwarzen protagonisten sehen“, „Männer wollen keine Frau spielen“, Männer wollen
    „sex, guns & rock’n roll“ in ihren Spielen
    c) Bei der Einschätzung was für das Spiel wichtig ist, verlassen sich Publisher auf Fokusgruppen und Beraterteams, der Einfluss von Videospieljournalisten ist dabei wohl eher marginal
    d) man verlässt sich auf das, was bereits früher funktioniert hat, dies führt zu weniger Innovation und Homogenität von Spielen. Das Meme über Videospielprotagonisten ist da sehr entlarvend: http://i.imgur.com/NjaKm.jpg (s.a. http://www.buzzfeed.com/josephbernstein/every-game-heroine-of-2013-looks-exactly-the-same#1gamtqk)

    Die Film-und Spieleindustrie unterliegen definitiv real-exisitierenden Marktzwängen. Das schließt aber eine Kritik an der Risikoaversion der Studios & Publisher nicht aus.
    Das ganze kann schließlich schnell in einem sich selbst reproduzierendem System enden: Statistiken sagen, Spieltyp X wird vor allem von weißen Männern von 18-30 gespielt, deshalb designe ich mein Spiel des Spieltyps X um diese Zielgruppe zu erreichen, dadurch steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass mein Spiel größtenteils von Angehörigen dieser Zielgruppe gespielt wird, was wiederum die Statistiken beeinflusst.

    Ich weiß nicht, ob ich mich ganz verständlich ausgedrückt habe, ich verweise noch einmal auf Jim Sterling: https://www.youtube.com/watch?v=7wnTunPrQJo

    Zum Teil handelt es sich also um eine self-fulfilling prophecy und ich denke es ist absolut die Aufgabe von Videospieljournalisten und -kritikern, dass man einerseits die Zwänge des Marktes anerkennt und andererseits als Außenstehender dieses Vorgehen kritisiert und dabei auf sich wandelnde Demographien verweist und darauf hindeutet, dass es für die Industrie durchaus Sinn ergibt, Spiele und Marketingkampagnen inklusiver zu gestalten, also für breitere Zielgruppen zugänglich zu machen.
    Indie Games und kleine Developer können dabei neue Impulse setzen. Wenn das neue Shadowrun Spiel zeigt. Hey klassische RPGs im Stile von Baldur’s Gate können sehr wohl Profit generieren, dan kann das einen positiven Effekt auf die Entwicklung ähnlicher Titel haben. Und wenn Spiele über Emotionen, Sexualität, Gender oder was weiß ich von Journalisten gehypet werden, dann sollte man sich vielleicht einfach mal in Erinnerung rufen, dass dies möglicherweise geschieht, weil man dem Medium mehr zutraut als es zur Zeit leistet, mehr emotionalen Tiefgang, eine breitere Auswahl an Themen, Experimente im künstlerischen Style etc.

    „Sex gehört zur menschlichen Natur, genau wie der menschliche Körper natürlich ist.“

    Noch einmal: Niemand hat etwas gegen Sex, gegen nackte Haut usw. Auch Anita Sarkeesian nicht:

    „This is especially sad because interactive media has the potential to be a perfect medium to genuinely explore sex and sexuality. But that’s not what’s happening here. These interactions set up a transactional relationship in which women are reduced to a base sexual function. It frames female sexuality as something that belongs to others, rather than as something women enjoy for themselves. I’d argue that none of this is really about sex at all, certainly nothing resembling authentic consensual intimacy; publishers and developers are instead selling a particular fantasy about male power centered on the control of women.“
    http://www.feministfrequency.com/2014/06/women-as-background-decoration-tropes-vs-women/

    Ben Kuchera, der ja durchaus für seine radikalen Ansichten berühmt-berüchtigt ist, lobt z.B. das neue Wolfenstein für seine Darstellung von Sexualität: http://www.polygon.com/2014/5/20/5734482/wolfenstein-sex

    Es geht also um das WIE. Es geht darum, dass Frauen nicht als Objekte präsentiert werden, die zum visuellen Vergnügen der Spieler präsentiert werden, es geht darum, dass wiebliche Charaktere Agency in der Story haben sollten, dass sie überzeugende, dreidimensionale Charaktere sind und nicht sexistische Klischees (Hure/Madonna/Mary Sue/Damsel etc.)

    Ich bleibe bei meinem Blockbuster Beispiel: Wenn ein Filmkritiker kritisiert, dass Megan Fox Charakter in Transformers reines ‚Eye candy‘ ist, keine richtige Funktion in der Story hat, außer gut auszusehen und als Trophäe in der ‚geek bekommt Hot girl‘-‚love story‘, was dieser Filmkritiker dann z.B. dadurch belegt, dass die Kamera Fox‘ Körper immer wieder abfährt und so lüstern zur Schau stellt – wird diese Aussage dann durch das Argument „Das verkauft sich halt gut bei einer bestimmten Zielgruppe“ widerlegt? Das ist ein gutes Argument um den Sexismus zu rationalisieren, aber sollte Kunstkritik nicht in erster Linie das vorliegende Kunstwerk an sich beurteilen?
    Und würde irgendwer diesem Filmkritiker vorwerfen, er wolle die Filmindustrie in die Selbstzensur zwingen oder nackte Haut vom Silverscreen verbannen? (s. auch Siskel/Ebert, die in den 80ern zu Gewalt gegen Frauen in Slasher Filmen ihr eigenes ‚Tropes vs women‘ gemacht haben:http://www.polygon.com/2014/9/29/6864379/siskel-ebert-criticism-games)

    Kommen wir noch mal zum Bayonetta Beispiel: Warum verteidigen Feminist_innen Bayonetta als positives role model? Weil sie ihre Sexualität selbstbewusst zur Schau trägt, weil ihre Sexualität (zumindest in der Story) nicht Männer dient, weil sie unabhängig von den männlichen Nebencharakteren ist, weil sie eine eigene Agenda hat und ihren Weg geht und sich nicht dem gesellschaftlich konstruierten von ‚Weiblichkeit‘
    Polygons Arthur Gies argumentiert jetzt anhand der Kameraführung, dass der Bayonetta Charakter eben sehr wohl objektiviert wird, ihr Körper wird dem Spieler zur Schau gestellt. Und wenn man das Spiel natürlich für sich selbst sprechen lassen muss, für Gies Analyse spricht, dass Hideki Kamiya kaum einen Hehl aus seinen sexistischen Ansichten in Bezug auf Bayonetta gemacht hat.
    Ich will mich aber überhaupt nicht auf eine Seite stellen. Kann man das nicht kontrovers diskutieren? Und wenn dieser Style, die Übersexualisierung und die Kameraführung meinen persönlichen Geschmack nicht treffen/die Immersion erschweren etc. dann sollte es mir als Reviewer freistehen, dass in meiner Review als Negativfaktor zu erwähnen?! Mal abgesehen davon, dass Polygon von Menschen frequentiert wird, für die das durchaus hilfreich ist bei ihrer Entscheidung, ein Spiel zu kaufen. Wenn wir über Zensur diskutieren, dann müssen wir im Hinterkopf behalten, dass Kritiker das Rückgrat einer lebendigen demokratischen Diskussionskultur sind.

    „Dazu kommt dass es sich beim Medium Videospiel um Fiktion handelt.“

    Das sind Film und Literatur in weiten Teilen auch. Sollen wir deshalb jede Form von Kultur-und Kunskritik in die Tonne kloppen?

    „Sagen wir jemand spielt ein Spiel das wirklich vorsätzlich sexistisch ist und Frauen herabsetzt: Wird er die nächste Frau mit der er im echten Leben trifft genau so behandeln?“

    Gegenfrage: Glaubst du, dass (Pop-)Kultur überhaupt keinen Einfluss auf unser Sozialverhalten hat?

    Um deine Frage zu beantworten: Nein, ich glaube nicht, dass Videospiele gewlattätig machen oder sexistisch oder was auch immer. Zumindest nicht in dieser sehr vereinfachten Darstellung „Counterstrike führt zu Amoklauf“ und ich bin sehr skeptisch was Aussagen über den messbaren Einfluss von Medienkonsum auf das Verhalten von Individuen angeht, weil ich glaube, dass es äußerst schwierig ist, da saubere empirische Daten zu erheben.
    Und in der Tat führt ‚Jugendschutz‘ und ‚wer denkt an die Kinder‘ schnell zu Zensurversuchen.
    Aber gleichzeitig würde ich eben auch nicht behaupten, dass wir überhaupt nicht durch unsere Umwelt und unseren Medienkonsum beeinflusst werden, nur eben sehr viel subtiler als ein Jack Thompson oder ähnliche Pappnasen das behaupten. Ganz generell gesagt: Popkultur unterliegt gesellschaftlichen Einflüssen und kann unsere Weltsicht bestätigen oder auch infrage stellen.

    Da die Diskussion immer wieder auf Sarkeesian zurückführt, hier ist was A.S. zu dem Thema sagt:

    „What’s the real harm in sexually objectifying women? Well, the negative impacts of sexual objectification have been studied extensively over the years and the effects on people of all genders are quite clear and very serious. Research has consistently found that exposure to these types of images negatively impacts perceptions and beliefs about real world women and reinforces harmful myths about sexual violence.“
    (Quelle: http://www.feministfrequency.com/2014/06/women-as-background-decoration-tropes-vs-women/)

    Habe ich meine Probleme mit dieser Aussage? In Teilen, insbesondere da die Quellen zu den Studien, auf die sie sich bezieht, leider nicht öffentlich zugänglich sind. Kritik ist hier definitiv angebracht.
    Gleichzeitig lassen sich ihre Aussagen aber auch nicht auf ’sexistische Spiele machen Spieler sexistisch‘ herunterbrechen. Ich denke, das wird ihrer Argumentation nicht gerecht.

    Allgemein stellt sich jedoch die Frage: Muss ich denn überhaupt davon ausgehen, dass ein negativer Effekt auf Menschen existiert, um die sexuelle Objektivierung von Frauen zu kritisieren? Oder allgemeiner gefragt, dürfen Spielereviews nicht ideologiekritisch sein? Wenn ich das Gefühl habe, ein Spiel hat faschistische Untertöne, promotet Folter oder sollte ich das als Videospielkritiker nicht thematisieren? Damit sind wir wieder bei dem ganzen ‚Keep your politics out of my games‘ -Ding und ich kann da nur auf eine sehr gute Analyse von Errant Signal verweisen (Sorry, noch ein youtube Link, aber die web Serie ist verdammt gut, u.a. auch das Video Violence in video games ): https://www.youtube.com/watch?v=7_tdztHiyiE

    „Aus den oben genannten Grünen kann ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass es Personen wie Frau Sarkeesian nicht darum geht Feminismus voranzubringen, sondern wie im Artikel oben angesprochen dafür zu sorgen, dass alle Spiele nur noch nach ihren Vorstellungen sind.“

    Ich kann diese Einschätzung nicht teilen und (ohne dich da jetzt miteinbeziehen zu wollen) solche Verdächtigungen verleiten dazu, A.S. zum neuen Jack Thompson hochzustilisieren. Und das hat ganz real dazu geführt, dass Individuen (auch in der Gamergate Community) es sich zum Ziel gesetzt haben, eine Art Krieg gegen diese Frau zu führen, sie ‚vernichten‘ zu wollen.
    Ich würde auch behaupten, dass Sarkeesian überhaupt nicht den Einfluss hat, die Industrie groß zu beeinflussen. Sie ist auch keine Journalistin, weshalb sich die Frage stellt, was Feminist Frequency mit Gamergate zu tun hat.
    In ihrem Rolling Stones Interview sagt sie folgendes:
    „What I heard from a lot of people as they watched the videos was, ‚Yeah, I had noticed that thing in what I was watching, it made me uncomfortable, but I didn’t know how to explain it.‘
    I know it sounds super basic — Comm Studies 101 – but having the language to name things in the world is really powerful. Providing the language for these overarching patterns — identifying the trope, giving them a name and description, and explaining them — really helped improve people’s literacy, their ability to unpack and to be more critical of the media they’re watching.“

    und: „And the reaction is like I’m trying to say that all games are bad, or all games should be taken away, or that these games shouldn’t exist, instead of „Hey, we are complex and intelligent creatures and we can hold multiple ideas in our heads at the same time.“ We can be critical of the things that we love. That is possible.“
    (https://www.rollingstone.com/culture/features/anita-sarkeesian-gamergate-interview-20141017)

    Ich halte kritischen Medienkonsum für absolut wichtig und finde es toll wenn Menschen A.S. Videos als Anstoß nehmen, sich kritischer mit Popkultur auseinaderzusetzen, anstatt zu sagen „Sind ja nur Spiele/Bücher/Filme/Fiktion“. Natürlich muss man ihre Ansichten nicht teilen, natürlich kann man sich auch einfach mal berieseln lassen und sich dem Eskapismus hingeben. Aber diese Frau als Teil einer großen Intrige zu sehen ist so absurd. Warum dieser ganze Hass? Es muss sich doch niemand damit beschäftigen.

    Außerdem sei noch etwas zur Repräsentation von marginalisierten Gruppen gesagt:
    Wie der Ausnahmefall des autistischen Jungen zeigt, der in Drax aus Guardians of the Galaxy seinen eigenen Helden gefunden hat, existieren nicht für alle Menschen eskapistische Empowerment Fantasien.
    (http://geekologie.com/2014/09/autistic-boy-connects-with-guardians-of.php)
    Ganz im Gegenteil richten sich diese vor allem an einen Teil der Gesellschaft.
    Denn trotz des ganzen Fortschritts den es gegeben hat: Die Mainstream-Unterhaltungsindustrie wird immer noch von weißen Männern dominiert, die Unterhaltung für weiße Männer machen.
    Und das kann so weit gehen, dass Kids of Colour denken, Stories existierten nur über weiße Menschen: http://mediadiversified.org/2013/12/07/you-cant-do-that-stories-have-to-be-about-white-people/

    Wie traurig ist das bitte?

    „Das führt dazu dass Entwickler die Schere im Kopf ansetzen werden um nur noch Spiele mit einer “political correctness” zu entwickeln und weniger japanische Spiele lokalisert werden, letztenendes also Selbstzensur. Und ich kann weder Zensur, noch Leute die sie vorantreiben, in keiner Form gutheißen.“

    Zwei Punkte:

    1. Zunächst einmal kenne ich mich zu wenig mit japanischen Spielen aus, aber ich habe schon die ein oder andere Unterhaltung mit Gamergatern geführt, deren Hauptanlass Gamergate zu unterstützen war, dass sie Angst hatten, das US-Journalist_innen die japanischen Spieleentwickler_innen verprellen würden. Und ich sehe das Problem, dass kulturelle Ignoranz oder gar offener Rassismus (Phil Fish hat da ja in der Vergangenheit ziemlich uncoole Sachen von sich gegeben) natürlich überhaupt nicht geht. Auf der anderen Seite bin ich der Überzeugung, dass Kritiker auch japanische Spiele kritisieren dürfen müssen, wenn dies in respektvoller Art und Weise geschieht. Und auch wenn das nie ganz unproblematisch ist, muss man natürlich auch kulturelle Gepflogenheit wie Kawaii kritisieren dürfen (wie gesagt: respektvoll!!!). Ich finde es dann auch schwierig, den Journalisten die Schuld daran zu geben, dass Spiele nicht lokalisiert werden. Aber da fehlt mir wirklich die Expertise und anscheinend ist das ein wichtiger Punkt, der aber von Gamergate selten so deutlich vorgetragen wird. Leider, weil ich glaube, dass es da durchaus Diskussionsbedarf gibt.

    2. Was den US-amerikanischen Markt angeht, sehe ich diese Bedrohung durch ‚political correctness‘ nicht, wobei allein der Begriff ja schon aus der rechtskonservativen Propagandamottenkiste stammt.
    Wie ich glaube ich ausreichend dargelegt habe, geht es niemandem darum, Sex oder Sexyness aus Videospielen zu verbannen. Außerdem, wie ich auch versucht habe aufzuzeigen, ist dies gar nicht möglich, so lange ein Markt dafür existiert. Wir können getrost davon ausgehen, dass dieser Markt immer existieren wird, dass junge Männer immer an sexy Frauen interessiert sein werden und dass das auch ansich kein Problem ist, so lange eine kritische Reflektion darüber stattfindet!
    Und – mein letzter Punkt- es scheint keinen Beleg dafür zu geben, dass sich Videospieljournalisten extrem häufig mit den Themen Sexismus, Misogynie oder Feminismus beschäftigen, wenn man diese minimalistische Studie als Anhaltspunkt nehmen darf: https://storify.com/MorganRamsay/how-often-do-video-game-journalists-write-about-fe
    Was ich sehe, sind Journalist_innen und Kritiker_innen, die die Industrie herausfordern, die bessere und diversifiziertere Narrative, besseres Charakterdesign von weiblichen Charakteren, weniger male empowerment Fiktionen (die man im übrigen auch für ihr Männerbild kritisieren darf) wollen und dafür einstehen, dass Videospielkritik mehr Inhalt haben kann und sollte als ein Unboxing Video von Haushaltsgerät XY.

    „Als letzter Punkt: Ich bin selber kein Spieleentwickler und habe wenig Einsicht ob es nun tatsächlich doch öfter zu Sexismus/Rassismus oder Diskriminierung im Allgemeinen bei der Entwicklung von Spielen kommt und kann mir daher kein endgültiges Urteil darüber anmaßen. Aber dies ist ein anderes Thema als die Inhalte der Spiele und diese Diskussion sollte getrennt geführt werden, nur leider wird sie es nicht.“

    Statistiken belegen, dass Gender Diskriminierung existiert http://www.sciencedaily.com/releases/2014/06/140623121000.htm , ich kann das aber auch nicht abschließend beurteilen. Warum das in der Diskussion um Gamergate eine Rolle spielt?
    1. Weil die Hoffnung besteht, dass eine diversifiziertere Industrie langfristig zu einer diversifizierteren Produktpalette führt, die weniger sexistisch/rassistisch ist (die Frage ist, ob im Kapitalismus nicht trotzdem die Marktzwänge dem einen Strich durch die Rechnung machen würden)
    2. Weil Frauen*, die sich kritisch äußern anscheinend mit mehr Hass begegnet wird als Männern (s. Jennifer Hepler z.B.).

  6. Mmh, irgendwie wurden meine kurzen Ergänzungen freigeschaltet, die eigentlichen Kommentare aber nicht. Vielleicht zu lang?
    Die beiden Kommentare sind auch unter folgenden Links zu finden:

    Kommentar 1: https://www.evernote.com/shard/s125/sh/526f82a7-aff2-46a1-8937-27bfdc86f33e/17a3a70ba56fd00b8a4f483b52335cb0

    Kommentar 2 :
    https://www.evernote.com/shard/s125/sh/8fb36278-087e-4546-bbd4-403473130602/ecfa1aefd94ec4a0576050b9c64c57ef

    Sorry für die Umstände!

  7. Du hast viel zum Thema zu schreiben. Das ändert wenig daran dass die meisten westlichen Publisher von japanischen Spielen im jetzigen Umfeld schon Zensieren ohne Ende (Beispielsweise NISA, IFI, Marvelous, etc.)
    Und wenn größere Publisher von westlichen Triple-A Titeln schlechtere Reviews für Spiele bekommen weil nackte Haut gezeigt hat, hat das Konsequenzen für die Entwicklung und genau dazu ist es bereits gekommen.
    Und mir Antiamerikanismus zu unterstellen weil ich darauf hinweise dass es unterschiedliche Moralvorstellungen und Wertekomplexe in unterschiedlichen Gesellschaften gibt, da weiß ich auch nicht was ich darauf noch entgegnen soll.

    Ich würde auf deine Antworten detaillierter eingehen wenn ich das Gefühl hätte dass das ganze zu irgendetwas führen würde.

  8. Hey, ich habe nicht dir ‚anti-amerikanismus‘ vorgeworfen, aber Aussagen wie ‚typisch prüde amerikanisch‘ sind doch irgendwie über oder? Gerade wenn wir über Progressive in der Gaming Community sprechen, die sich für die Rechte von Frauen, Homosexuellen, PoC und Transmenschen einsetzen. Das sind jetzt nicht gerade die Paradebeispiele für ein ‚prüdes Amerika‘.

    Deshalb könntest du vielleicht auf EINE Sache näher eingehen: Du sagst, nackte Haut sei das Problem, wenn ich (glaube ich) ganz gut nachgewiesen habe, dass laute Stimmen der ‚SJW‘ Szene wie Anita Sarkeesian, Ben Kuchera oder Leigh Alexander absolut nichts gegen nackte Haut oder die Darstellung von Sex in Videospielen einzuwenden haben.

    Oh und vielleicht eine zusätzliche Frage noch: Was ist denn nun deine Haltung zu bereits existierender Selbstzensur was z.B. weibliche Protagonistinnen etc. angeht? https://www.youtube.com/watch?v=7wnTunPrQJo
    (s.a. hier: http://www.polygon.com/2013/3/18/4120694/remember-me-publishers-balked-at-female-lead-character)

    Wenn du dann noch was zur Zensur an japanischen Spielen schreiben magst, gerne allgemein, oder aber auch wie das mit dem games journalismus zusammenhängt, wäre ich dir auch sehr dankbar, weil ich mich da wirklich nicht auskenne.

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