Aufregung über Shenmue 3 – Viel heiße Luft um recht wenig

„Vor kurzem hat uns ein Entwickler erzählt, dass er ein bei den Fans beliebtes Spiel für PC und PS4 zu Kickstarter bringt. Nun das ist absolut sein Projekt, aber wir wollten diese Ankündigung auf unserer Bühne feiern.“ erzählte Adam Boyes auf der Sony E3 Pressekonferenz (auf Englisch, Übersetzung durch mich), kurz darauf gefolgt von einem Shenmue 3-Teasertrailer in dem Yu Suzuki sagt „Ich habe nach der Möglichkeit gesucht [Shenmue 3 zu veröffentlichen]. Ich habe mich entschieden Shenmue 3 durch Kickstarter aufzubauen.“ (auf Englisch, Übersetzung durch mich).

Diese Ankündigung, die anfangs Begeisterungsstürme auslöste, liegt nun vielen schwer im Magen. Auf Gamepro und Gamestar ist in einer Kolumne von „Perversion“, „Scheinheiligkeit“, „Lüge“, „Missbrauch“ und weiteren, ähnlich unschönen Worten in Richtung Sony zu lesen, bei Hooked FM spricht man von „Fanverarsche“ und „übelste[r] Verarsche“, und selbst heise schreibt wenig positiv „Sony lässt Fans ‚Shenmue 3‘ zunächst auf Kickstarter vorfinanzieren, die damit auch das Risiko für einen Flop tragen.“

Was zwischen der Ankündigung und diesen Reaktionen passiert ist und warum ich sie bestenfalls überzogen bis schlicht falsch halte im Folgenden.

Vorab muss als erstes erwähnt werden, dass in der Berichterstattung und der Kritik mehrere Diskussionen, die eigentlich unabhängig voneinander zu führen sind, vermischt werden. Da ist zum einen der Wunsch nach Kickstarter als einer reinen Plattform für Indies ohne eigenen Publisher. Da ist zum anderen der Wunsch nach Transparenz wenn auf Kickstarter ein Projekt mit Beteiligung durch andere Investoren an den Start geht. Und da ist zuletzt der größere Hauptkomplex mit der Teil-Finanzierung von Shenmue 3 durch Sony und damit verbunden dem Shenmue 3-Kickstarter.

Fakten

Vorab ein paar Fakten, soweit diese bekannt sind. Der Kickstarter wurde ins Leben gerufen und läuft auf Ys Net. Das ist das Entwicklungsstudio von Yu Suzuki.

Zu diesem Kickstarter sei es unter anderem nach einem Gespräch von Sony’s Gio Corsi mit Yu Suzuki auf der GDC 2014 gekommen. Aus einem Interview von IGN:

GDC-Gespräch über Kickstarter

GDC-Gespräch über Kickstarter, via IGN

Shuhei Yoshida von Sony berichtet dazu gegenüber engadget:

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Interview mit Shuhei Yoshida, via engadget

Yu Suzuki möchte also Shenmue 3 Wirklichkeit werden lassen, redet auf der GDC mit jemandem aus Sonys Third-Party Relationships Team, der ihm Kickstarter vorschlägt. Nach erfolgreichen Verhandlungen mit Sega darf Yu Suzuki versuchen Shenmue 3 über Kickstarter ins Leben zu rufen.

Aber Sony hat auch einen Anteil an dem ganzen, denn wie Gio Corsi IGN weiter erzählt ist Sony ein „Partner [sic!]“ und „hilft Ys Net das Spiel fertig zu bekommen“, wenn der Kickstarter ein Erfolg wird.

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Sony’s Unterstützung des Projekts, via IGN

Dies ist nach meinem Kenntnisstand alles was von offizieller Seite zum Zustandekommen und zur Finanzierung von Shenmue 3 als Spiel und Kickstarterprojekt bekannt ist und eigentlich relativ simpel: Die Shenmue 3 IP gehört Sega, mit denen Ys Net, der Entwickler des Spiels und Yu Suzuki’s Firma, einen Deal ausgehandelt hat um unter diesem Namen ein weiteres Spiel in der Serie zu erstellen. Für zumindest einen Teil der Finanzierung und anderweitige Hilfe kommt Sony auf, wenn der Kickstarter erfolgreich ist (inzwischen der Fall).

Zur Zeitpunkt der Ankündigung war das meiste davon nicht bekannt. Soweit erst mal die Fakten.

Wünsche

Wenn Gamepro von einer „Perversion des Crowdfunding-Gedankens“ schreibt und Hooked FM von „verarsche in dem Punkt, weil es […] nicht zusammen mit den Fans aufgebaut [wird]“ spricht, beziehen sie sich auf die Mitfinanzierung durch Sony. Beide wünschen sich Kickstarter als Plattform für Indies ohne Einfluss von Publishern oder anderen Geldgebern. Und keinen Missbrauch als „Marketing- und Umfragetool“. Aber das ist eben ein Wunsch. Die Beteiligten, und das ist das wichtige, Kickstarter selber sehen das anders. Und sollte es sich bei Kickstarter, wie gewünscht, tatsächlich nur um Indies, die komplett unabhängig gefundet werden, drehen, so hätte Kickstarter längst die eigenen Nutzungsbedingungen entsprechend angepasst und Shenmue 3 wär erst gar nicht auf Kickstarter gelandet.

Es ist nicht so, dass ich diesen Wunsch nicht verstehen würde, aber dafür gibt es andere Plattformen mit den entsprechenden Richtlinien und sich bei Kickstarter darüber zu beschweren, dass Projekte noch weitere Geldgeber haben dürfen hat ein bisschen was von Amazon vorschreiben zu wollen keine Lebensmittel zu verkaufen weil es für nicht verderbliche Waren gedacht sei. Zuletzt sei noch angemerkt, dass auch diverse andere Kickstarterprojekte, wie Bloodstained beispielsweise, externe Geldgeber hatten. Daher finde ich es insgesamt befremdlich wegen dieser eher grundsätzlichen, und bisher tolerierten, Thematik nun ausgerechnet dem Shenmue 3-Kickstarter Vorwürfe zu machen.

Ein anderer Aspekt eher prinzipieller Natur ist in diesem Zusammenhang auch der Verwendungszweck von Kickstarter. Mit Kickstartern wie dem von Shenmue 3 und dem von Bloodstained wird, soweit man das von außen beurteilen kann, vor allem Werbung gemacht und das Interesse an einem Projekt abgeschätzt. In beiden Fällen sammelt man einen verhältnismäßig kleinen Betrag per Kickstarter und sollte der die entsprechenden Wellen machen und erfolgreich sein, springen andere, konventionelle Investoren zusätzlich mit ein.

Auch hier wieder eine Diskussion über das wie es manch einer gerne hätte und dem Status quo. Und auch hier wieder die gleiche Antwort: Warum darf Kickstarter sich nicht seine eigenen Regeln geben und wenn alle Beteiligten damit ein großes Spiel, dass sonst nicht zustande gekommen wäre auf die Beine stellen können und die Kickstarterbacker nicht irgendwie benachteiligt werden – wo ist das Problem?

Transparenz

Ein ebenfalls vielfach vorgebrachter Punkt ist die mangelnde Transparenz des Shenmue 3-Kickstarters und Sonys. Versetzen wir uns in die Lage eines Kickstarterbackers der ersten Minute. Konnte er wissen oder ahnen, dass Sony finanziell beteiligt ist an der Entwicklung von Shenmue 3? Zum einen hat unser Backer mit hoher Wahrscheinlichkeit mitbekommen, dass der Kickstarter auf Sony’s E3-Pressekonferenz angekündigt wurde. Für ihn war auch auf der Kickstarterseite selber ersichtlich, dass Shenmue 3 nur für „PC and PlayStation 4“ in Entwicklung ist. Zuletzt sind zwei Millionen, die Kickstarterzielsumme, für ein Projekt dieser Größe viel zu wenig. Vor allem wenn man weiß, dass da am Ende Netto wahrscheinlich nur circa die Hälfte von überhaupt zur Entwicklung zu Verfügung steht. Man hätte es also ahnen können, aber -und hier stimme ich absolut zu- nicht wissen!

Nun kommt der Punkt an dem ich einfach große Verständnisschwierigkeiten habe. Es gibt die Kickstarterseite, dort wird das Projekt ausführlich beschrieben. Möchte man dieses so umrissene Projekt unterstützen backt man es und bekommt je nach Betrag bei der erfolgreichen Fertigstellung das Spiel. Man ist also in diesem Moment mit dem skizzierten Projekt einverstanden. Kommt nun ans Licht, dass es einen weiteren Geldgeber gibt, woraus ergibt sich dann ein Problem? Die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt an nicht ausreichenden Mitteln scheitert verringert sich drastisch und die Qualität des Spiels erhöht sich wahrscheinlich sogar. Nur weil Sony die Entwicklung von Shenmue 3 unterstützt heißt das nicht, dass die Backer am Ende stattdessen Driveclub 2 bekommen.

Der einzige Nachteil den ich mir ausdenken kann ist der sehr unwahrscheinliche Fall, dass das Kickstarterprojekt erfolgreich ist, das Spiel trotzdem nie fertiggestellt wird. Denn hätte der Backer sich sein Geld aufgehoben mit der Absicht das Spiel später im Laden zu kaufen, wäre sein Geld in diesem Fall nicht futsch. Aber für diesen Fall müsste praktisch Sony pleite gehen oder es Verwerfungen ungekannter Art zwischen Sony und Ys Net geben.

Allerdings bin auch ich der Ansicht, dass nichts dagegen spricht bei Kickstartern von Anfang an bekannt zu geben wie viel Prozent der Mittel für das Projekt anderweitig aufgebracht werden sollen und dann möglichst mit Namen der Geldgeber. Aber wie gesagt, das könnte und sollte man vielleicht so machen. Eine Notwendigkeit besteht nicht.

Trugschlüsse, Irrtümer und Logikfehler

Sind die Einwände bezüglich des Zwecks von Kickstarter als Plattform und Transparenz bei Kickstartern zumindest noch ein Stück weit nachvollziehbar, so wird leider auch viel spekulatives und faktisch falsches als Tatsachen präsentiert und dann zudem noch darüber aufgeregt.

So gehen sowohl Hooked FM als auch die Gamepro Kolumne davon aus, dass Leute die Shenmue 3 backen dieses Geld nicht stattdessen kleineren Indiekickstartern zukommen lassen. Dabei übergehen sie, dass viele Leute sich extra wegen Shenmue 3 bei Kickstarter anmelden und ignorieren ebenso, dass nur weil jemand Shenmue 3 nicht gebackt hättte, diese Person nicht automatisch stattdessen ein anderes Projekt unterstützt hätte. Und ob jemand jetzt das Geld für Shenmue 3 ausgibt oder in zwei Jahren – für andere Kickstarter hätte es so oder so nie zur Verfügung gestanden.

Auch bei Hooked FM hört man wieder, dass es das Spiel so oder so gegeben hätte, also hätte es Sony auch gleich komplett finanzieren können. Aber wir reden hier von einem Spiel dessen Vorgänger vor über einem Jahrzehnt erschienen ist, nie auf einer Sonyplattform war, das nur einigen wenigen Hardcorespielern bekannt ist und um das es wenig PR gab. Zudem ein Spiel dessen IP Sega gehört und von einem nicht mit Sony assoziierten Entwicklerstudio entwickelt wird. Wie es dieses Spiel „so oder so“ gegeben hätte, wobei ein erfolgreiches Kickstarterprojekt laut offizieller Aussage die einzige Möglichkeit war dieses Projekt zum laufen zu kriegen, ich weiß es nicht. In den letzten dreizehn Jahren hat jedenfalls niemand die Entwicklung bekannt gegeben.

Kommen wir jetzt zu dem Teil wo ich nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Der GamePro Kolumnist schreibt sich so richtig schön in Rage, denn „die Wahrheit [kommt] ans Licht: Sony steigt als Publisher in die Entwicklung von Shenmue 3 ein“. Als Beleg dient ein Link zu Gamestar wo man schreibt:

Gamestar

Gamestar drückt sich anders aus, via Gamestar

Die Quelle für den Gamestarartikel ist das oben verlinkte und gezeigte Interview mit Gio Corsi von Sony in dem er sagt, dass man Ys Net bei der Fertigstellung hilft. Das interessante ist wie auf einmal das Wort Publisher ins Spiel kommt, für das Wikipedia in Bezug auf Videospiele folgende Definition bereit hält: „Unternehmen […], die Computerspiele oder Computerprogramme veröffentlichen und vertreiben.“

So schnell wird aus „partners“ und „help“ im Handumdrehen „publisher“, wobei sich die ursprüngliche Aussage sehr eindeutig auf finanzielle und personelle Hilfe bei der Entwicklung bezog und jedenfalls ein Bezug zum Publishing nirgends hergestellt wurde. Eine Randbemerkung an dieser Stelle: Das unter ähnlichen Umständen zustande gekommene Grim Fandango Remastered (Third Party Relations von Sony, Playstation- und PC-Exklusiv, aber kein Kickstarter) wurde trotz tatkräftiger Hilfe von Sony und Konsolenexklusivität von Double Fine gepublisht.

Wen kümmern schon Details?

Den größten Fauxpas leisten sich alle drei eingangs erwähnten Publikationen, wenn sie mal mehr oder weniger direkt den Kickstarter Sony statt Ys Net zuschustern. Heise schreibt „Sony lässt Fans ‚Shenmue 3‘ zunächst auf Kickstarter vorfinanzieren, die damit auch das Risiko für einen Flop tragen.“. Hooked FM stellt die Frage „warum haben sie [Sony] den Kickstarter dann gestartet? Weil sie sich dachten, vielleicht können wir noch 5-10 Millionen von Fans bekommen“. Der Gamepro Kolumnist spinnt dann gleich seine ganz eigene Verschwörungstheorie und nachdem uns Sony angelogen hätte, Publisher sei, Kickstarter missbraucht hat, da werden auch noch „die gesammelten Spendenmillionen die Sony-Buchhalter erfreuen“.

Dabei ist es doch ganz einfach. Ys Net ist der Entwickler. Der Kickstarter ist von Ys Net. Sony ist nach aktuellem Kenntnisstand und eigener Aussage Partner und hilft, aber dass sich das auf mehr als Geld und Personal erstreckt kann man nirgends lesen.

Kurz gesagt

Eigentlich ist es ganz einfach. Yu Suzuki und sein Entwicklungsstudio Ys Net wollen Shenmue 3 entwickeln. Um dies zu ermöglichen führen sie Gespräche mit Sega und Sony und am Ende kommt dabei ein Kickstarter für Shemue 3 und Unterstützung bei der Entwicklung durch Sony raus.

Zum einen wird das Projekt kritisiert, da es nicht Indie sei, dabei wäre das eine Diskussion die für Kickstarter generell und deren Nutzungsbedingungen zu führen wäre. Das gleiche ist der Fall für den Einsatz von Kickstarter als PR- und Marktforschungswerkzeug. Beides sind Grundsatzdiskussionen die alle Kickstarterprojekte betreffen und beides sind Vorgänge durch die den Projektunterstützern keine Nachteile entstehen.

Auch für mangelnde Transparenz wird das Vorgehen mit Shenmue 3’s Kickstarter kritisiert und dort hätte es Verbesserungspotential gegeben, aber auch hier wieder: Grundsatzdiskussion und keinerlei Nachteile für die Backer außer wenn Sony pleite geht.

Und so ziemlich alles andere an Kritik zerschellt daran, dass diejenigen die sie vorbringen, nicht den Unterschied zwischen Investor, Publisher und Entwickler kennen und die beteiligten Akteure durcheinanderbringen und dadurch die falschen Schlüsse ziehen.

Zum Abschluss noch die Anmerkung, dass dieser Beitrag auf Grundlage der verlinkten Artikel entstanden ist, andere Quellen mit neueren Informationen sind mir nicht bekannt.

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