Wenn man Nier: Automata lieben will, aber nicht kann

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Gestern habe ich alle Hauptrouten von Nier: Automata beendet und anschließend kreisten meine Gedanken. Leider nicht wegen der Tiefgründigkeit des gezeigten und erlebten oder plötzlicher Wendungen am Ende die alles was man zuvor geglaubt hatte über den Haufen wirft, sondern warum mich das Spiel über weite Stellen kalt gelassen hat und selbst das Ende nur zur Kenntniss genommen habe ohne sonderlich davon beeindruckt gewesen zu sein.

Und offensichtlich liege ich damit falsch, schließlich ist Nier: Automata ein kritischer Hit, kommt bei den Käufern gut an und auch auf Twitter gibt es nur Lob. Offensichtlich muss es an mir liegen, aber ist es so einfach?

Der folgende Text enthält Spoiler!

Die PC-Version

Die PS4-Version läuft weitestgehend ganz gut, da kann doch mit der PC-Version die eine Woche später erscheint wenig schief, aber vieles noch besser gehen! Könnte man denken, habe ich gedacht, aber war in naiver Einfalt weit gefehlt. Intern falsch gerenderte Auflösung, kein Dualshock-Support, Abstürze, einbrechende Performance etc. zeugen nicht von liebevoller Qualitätsarbeit. Trotzdem, zwei externe Programme zur Untersützung und viele Einstellungsänderungen später läuft es weitestgehend. In den ersten Stunden ist man aber doch deutlich vom eigentlichen Spiel abgelenkt. Genau wie dann über zehn Stunden später wenn es mehr Zwischensequenzen gibt die unerträglich stark ruckeln und ein genießen der Handlung unmöglich machen. Nach 20 Stunden also Vollbremsung und die PS4 Version bestellt.

Open-World

Nier: Automata verfolgt ein Open-World Design und übernimmt leider auch alle Nachteile die damit einhergehen. In diesem Fall kommt dazu noch eine kleine Spielwelt in der man die immergleichen Gebiete wieder und wieder und wieder besucht. Ich bin sowieso kein Fan von Backtracking, aber wenn ich dann die Fabrik oder den Vergnügungspark zum zehnten mal aufsuche, dann macht das keinen Spaß mehr sondern nervt und ist langweilig. Wenn man zuvor noch die Demo und die komplette A-Route schon auf dem PC gespielt hat, dann war man wirklich überall öfter als einem lieb ist.

Die Möglichkeit zur Schnellreise zu haben wäre auch hilfreich gewesen bevor man die meisten Nebenquests hat machen können und gemacht hat. Zu den Nebenquests kann man nur sagen dass 90% reine Kill- und Fetchquests sind und die kurzen, nicht mal vertonten, Konversationen bei Questabschluss meist weder die Zeit noch das Backtracking wert waren. Wohl nie vergessen werde ich wie der Anfang der C-Route all das hat wonach ich mich gesehnt habe und man nach einer Stunde Mindfuck, meistervoller Inszenierung, Story und viel Gameplayabwechslung wieder Fetchquests annimmt. Ich kam mir vor wie im falschen Film.

Gameplay & Performance

Am besten veranschauliche ich meinen Punkt hinsichtlich des Gameplays mit einem Beispiel: Beim ersten Bosskampf gegen Simone (die Opernsängerin) hackt man, wenn man von bestimmten Angriffen getroffen wird, während des Kampfes in einem retro Twinstick-Shooter Minispiel. Brilliant, Yoko Taro hat es wieder geschafft! Hat das Gameplay aufgelockert mit einem überraschenden Kniff der nur an dieser einen Stelle zum Einsatz kommt – Bis man dann mit der B-Route beginnt und nur noch am hacken ist. Aber egal ob Twinstick-Shooter, Hacken, 2.5D-Ansicht oder Textadventure: (Fast) alles ist schon in Nier gewesen und nichts davon fühlt sich nach dem x-ten mal neu oder unverbraucht an. Und während das zwar nicht toll, aber noch ok war, hat das Hacken irgendwann tatsächlich keinen Spaß mehr gemacht. Die B-Route hat sich bis auf die paar Abweichungen in der Handlung ähnlich angefühlt. Kennt man und hat man alles schon mal gesehen. Auf geht’s wieder in die gleichen Gebiete, die gleichen Gegner aus den gleichen Gründen töten.

Was die Performance angeht kann ich über die relativ simple Grafik noch großzügig hinwegsehen, sie stört nicht wirklich, und auch die kurzen Streamingruckler in der Open-World müssten nicht sein, sind aber letztlich egal. Nur die häufigen Einbrüche von 60 fps haben mich durch das ganze Spiel begleitet, da sie so häufig vorkommen und mir, wenn ich gerade nicht am Kämpfen war, jedes einzelne mal aufgefallen sind. Umso frustrierender wenn man von der PC-Version weiß dass ein deaktivieren des Anti-Aliasing und eine Reduzierung der Schattenqualität wahrscheinlich Wunder gewirkt hätten.

WARNUNG: Im folgenden wird die komplette Handlung und die letzten Enden gespoilt!

Die Handlung und das Ende

Drei Dinge haben mich hier negativ vorbelastet: Der enorme kritische Erfolg des Spiels, das Wissen dass es fünf richtige Enden gibt und die Erwartung einer Offenbarung in Sachen Story und 4th-Wall breaking. Dabei hat die Hintergrundgeschichte als solche eigentlich nur zwei wesentliche Wendungen (Menschheit auf dem Mond und eigentlicher Zweck von YoRHa) von denen man die erste bereits in der ersten Stunde vermuten kann und die zweite deutlich vor den Enden von C-E erfährt. Bleiben die Charaktere als solche, aber 2B wurde weit vor den eigentlichen Enden rausgeschrieben und dass A2 und 9S beide jeweils, wenn auch aus teilweise verschiedenen Gründen, im Grunde Rache nehmen wollen ist ein bekanntes Motiv. Dazu kommt dass zumindest mir die Charaktere in Automata bei weitem nicht so sehr ans Herz gewachsen sind wie in Nier. Ist dann blöd für sie wenn alle sterben, aber mir macht das dann vergleichsweise wenig aus (2B war ja schon und bleibt tot ;_;). Und wenn man das D- und E-Ende zwei mal durchspielen muss weil es beim ersten mal nicht korrekt gespeichert wurde (beide auf einmal = bug?) raubt das dem Rest der Erfahrung jeden Wert.

Neben der Hintergrundgeschichte und den Charakteren gab es noch das eigentliche Thema des Spiels: Menschlichkeit. Was macht das Menschsein aus? Wie unterscheidet sich eine denkende Maschine oder ein Android von einem Menschen? Welche Rolle haben Gefühle und Emotionen für Menschen und Maschinen? Und während das interessante Fragen sind die öfter aufgeworfen werden wollte der Funken nicht so recht überspringen. Zum einen wurden diese Fragen schon in Ghost in the Shell vor 22 Jahren gestellt und ich hatte zum anderen nie das Gefühl dass Automata bedeutungsvolle Antworten liefert oder mit der Materie einen bedeutungsvollen Punkt macht.

Nicht alles ist schlecht

Auch wenn man das nach all dem Geschriebenen denken könnte. Im Gegenteil, sehr vieles ist gut, sehr gut oder geradezu hervorragend. Der Soundtrack spielt wie beim Vorgänger wieder in einer eigenen Liga und bereichert das Spiel und die Atmosphäre ungemein. Die Charakterdesigns sind kreativ, attraktiv und haben das gewisse etwas. Und egal ob Bossdesign, japanische Sprachperformance oder Platinumkampfsystem – an vielen wesentlichen Aspekten des Spiels gibt es praktisch nichts auszusetzen. Und wenn ich dann an das erste mal denke wo ich den Prolog gespielt habe. Oder den Anfang der C-Route. Oder den Storykampf in der versunkenen Stadt. Oder das erste mal wo ich den Vergnügungspark betrete. Oder den Bosskampf am Ende der C-Route. Alles unglaublich gute Momente. Wenn nur das ganze Spiel hätte so sein können.

Ein zweiter Anlauf

Wenn ich Nier: Automata noch einmal mit dem Wissen von heute frisch von vorne spielen könnte würde ich einiges anders machen. Ich würde mich vorher nicht so sehr hypen lassen dass das Spiel den Erwartungen gar nicht gerecht werden kann. Ich würde nicht die Demo spielen und nicht zur verbuggten PC-Version greifen. An Nebenquests würden 4-5 reichen und die stünden alle während der A-Route an und danach nur noch Story. Und ich würde versuchen vom Ende weder eine nie dagewesene Gameplay- noch Storyoffenbarung zu erwarten. Vielleicht wär in dieser anderen, fiktiven Welt mein Eindruck von Nier: Automata ein ganz anderer. Ich werde es nie erfahren.

 

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Ein Gedanke zu „Wenn man Nier: Automata lieben will, aber nicht kann

  1. Vielen Dank für den Beitrag, ich hatte schon meine Zweifel ob ich mir das Spiel kaufen oder lieber die Finger davon lassen soll. Die Entscheidung ist mir dadurch deutlich einfacher geworden. Gerade weil es wenige Anime-Games wie diese gibt, ist es doch traurig, wenn diese nicht unbedingt die Erwartungen erfüllen, die man sich erhofft hatte.

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